Bundesarchiv, Bild 102-00457 / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Biographien sind Gratwanderungen, die den oftmals schmalen Pfad zwischen Detail und Verallgemeinerung finden müssen. Sie sind es umso mehr, wenn das Objekt des biographischen Nach-Wanderns ein Mensch ist, dessen Leben selbst bereits einer Gratwanderung zwischen vielen Welten gleichkommt. Dies ist in hohem Maße bei Emanuel Lasker der Fall. In erster Linie verdankt Lasker seinen Ruhm der beispiellosen Schachlaufbahn, in der er 27 Jahre lang, länger als jeder andere Spieler, die Weltmeisterschaft innehatte. Laskers Schachkarriere währte ein halbes Jahrhundert; noch mit fast 70 Jahren trat er erfolgreich in höchstklassigen internationalen Turnieren an. Er ist einer der wenigen Spieler, über die ernsthaft diskutiert werden muss, wenn es um die Frage geht, wer der bedeutendste Spieler der Schachgeschichte ist.

Schach hat zweifellos die wichtigste Rolle in Laskers Leben gespielt. Aber es hat nie die einzige Rolle gespielt; der intellektuell vielseitige Lasker war auf mehr als einem Gebiet zuhause und hat dort über Jahrzehnte hinweg ein geistig produktives Leben geführt. Diesem bis heute immer noch wenig bekannten „anderen Lasker“ sind die Vorträge der Lasker-Konferenz gewidmet.

Schon vor der Jahrhundertwende lebt der am Weihnachtsabend 1868 geborene Sohn eines jüdischen Kantors in Deutschland, England und Amerika. Einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg entscheidet er sich für das Leben in Deutschland, aus dem er jedoch 1933 wieder flüchten muss; zunächst nach London, dann weiter nach Moskau, und letztlich nach New York, wo er am 11.Januar 1941 stirbt. Wie zwischen den Ländern ist Lasker auch zwischen den Tätigkeitsfeldern gewandert, und auch hier nicht immer freiwillig. Schach, Philosophie und Wissenschaft sind die Eckpfeiler seines intellektuellen Lebens, zu denen noch politische Publizistik und literarische Versuche hinzukommen. Lasker lebt als Schwager von Else Lasker-Schüler, als Freund Albert Einsteins und des Malers Max Oppenheimer und letztlich als Mann der erfolgreichen Schriftstellerin Martha Bamberger (die unter dem Pseudonym L. Marco schrieb) mitten im liberalen akkulturierten deutschen Judentum und fühlte sich dem bürgerlichen Wertekanon verpflichtet. Bemerkenswert ist Laskers Aufgeschlossenheit gegenüber den technischen Veränderungen der modernen Welt sowie seine Bewunderung der amerikanischen Gesellschaft, deren Kombination von Leistungsorientierung, Zukunftsbejahung und demokratischer Fundierung ihm vorbildhaft erschien.

In Laskers Weltbild besaßen individuelle Freiheit und Gerechtigkeit ebenso Letztwertcharakter wie die Würde des menschlichen Lebens. Albert Einstein attestierte ihm eine „unbeirrbare Selbständigkeit“, die ihn in einer Menschheit auszeichne, „in der fast alle, auch die Intelligentesten, zur Klasse der Mitläufer gehören“. In den fünf Vorträgen der Lasker-Konferenz wird der Versuch unternommen, Laskers Werk zu studieren und seine Gedankenvielfalt zur Kenntnis zu nehmen.

Nach Michael Dreyer und Ulrich Sieg (Hrsg.): Emanuel Lasker – Schach Philosophie, Wissenschaft, Philo Verlagsgesellschaft, Berlin 2001